October 29th, 2010 | |
Posted in Literatur by David Ifkovits
“Just as people suffer from a factory’s pollution, they may suffer a loss if others violate norms.”
Dieser Satz stammt nicht aus der Feder eines Soziologen oder Anthropologen, sondern findet sich im eben (auf Englisch) erschienenen “Identity Economics“. Die AutorInnen sind keine geringeren als der Nobelpreisträger George Akerlof und die Ökonomin Rachel Kranton. Die beiden haben sich ein großes Ziel gesetzt: Den homo oeconomicus umzudefinieren; und der mikroökonomischen Theorie die Realität zurückzugeeben, die sie in den letzten Jahrzehnten irgendwo verloren hat.
Die Finanzkrise ‘08 hat sich in der akademisch-ökonomischen Welt sehr unterschiedlich ausgewirkt. Die Reaktionen reichten von marxistischen Weltuntergangsprophezeiungen über schadenfrohe heterodoxe ÖkonomInnen, die sich ins Fäustchen lachten, bis hin zu purer Ignoranz im Kern des Rational-Expectation-Mainstreams (“Finanzkrise? So what. Deleveraging und weiter gehts.”)
Abgesehen von den Schuldzuschreibungen zeigt sich jedenfalls ein klarer Trend: Erweiterungen und Alternativen zum ökonomischen Mainstream stoßen auf größeres öffentliches Interesse. George Soros ist ja nicht gerade für schlechte Investment-Entscheidungen bekannt und hat dem Institute for New Economic Thinking nicht umsonst mal eben 50 Millionen Dollar überlassen.
Wenn ich mich an meine ersten VWL-Studientage zurückerinnere, fällt mir sofort ein, wie abstrakt und ungreifbar die Theorie auf mich wirkte. Preise gehen runter, Nachfrage rauf – Klar. Aber was, wenn man keine Wahl hat? Wenn man dieses Mathe-Lehrbuch nun mal für einen Kurs kaufen muss – egal wie viel es kostet. Wenn man seine Miete nun mal bezahlen muss, egal ob sie um 25 Euro gestiegen ist oder nicht. Ein bisschen Ersparnis ist doch nicht gleich einen Umzug wert.
Aber mit fortgeschrittenem Studium gewöhnt man sich an die neoklassische Denkweise. Natürlich könnte man weiter hinterfragen, aber letztendlich gibt es bei jeder Prüfung nur eine richtige Antwort: Die, die Theorie vorgibt. Multiple-Choice-Prüfungen im ersten Studienjahr mit rigorosen Ja/Nein-Antworten auf Fragen wie “Sind Preisobergrenzen zu befürworten oder nicht?” machen die Situation noch schlimmer. In Retrospektive habe ich mit meinem Studium einen Tunnel betreten und bin immer tiefer vorangeschritten. Dieser Tunnel führt durch das Gebirge “wirtschaftliche Realität”. Das Leitsystem ist hervorragend, überall logische Anleitungen, wie man weitermachen muss. Von Mikro-Grundlagen in einer weichen langgezogenen Kurve zur Spieltheorie, dann durch eine kleine Unebenheit im Gebiet der Preisdiskriminierungen, straigth auf die Gerade der mikrofundierten Wachstumsmodelle. Das großartige in diesem Tunnel ist, dass es keine Unfälle gibt. Der Verkehr fließt in konstanter Geschwindigkeit im Gleichgewicht und jeder hält sich an die Regeln.
Aber mulmig bleibt es einem trotzdem. Der Tunnel ist schließlich ziemlich düster beleuchtet und wer weiß schon, ob einem nicht im nächsten Moment die Decke auf den Kopf fällt. Und überhaupt: Wie viel vom Gebirge, das man durchschreitet, bekommt man im Tunnel mit? Wo sind die Gipfel und Plateaus? Was für Fauna findet sich da draußen? Und wie ist eigentlich das Wetter?
Genug der Metaphern. Ich denke, jede Kollegin und jeder Kollege weiß, was ich meine: Wir hatten schon immer unsere Zweifel an der Macht der Theorie, mit der wir uns jahrelang beschäftigt haben, aber haben uns ein (kleines oder größeres) Stück gebeugt, da wir einfach nicht anders konnten. Manche von uns haben einfach Gefallen an der mathematischen Schönheit dieser Modellwelt gefunden, andere hatten pragmatischere Gründe; wie einen Notenschnitt, den sie nicht zerstören wollten.
“Where do we go from here?”
Das ist die alles entscheidende Frage. Einerseits wollen wir unsere lieb gewonnene Disziplin nicht verlassen, drei Jahre Bachelor-Studium als sunk costs zu verbuchen, ist zumindest mir ein zu hoher Verlust. Aber andererseits: Wollen wir wirklich in diesem Tunnel bleiben und versuchen, ihn weiter zu stützen – trotz all der Rissstellen, die uns früher oder später aufgefallen sind? Als Belohnung winken schließlich ein gut bezahlter Job oder als wissenschaftliches Pendant ein 1A-Citation-Index-Ranking. Die gute Nachricht ist: Es könnte einen dritten Weg geben. Wir könnten uns an neue Forschungsstränge wie Behavioral Economics heften und hoffen, dass sie eines Tages ausreichend akzeptiert sind. Es könnte ja passieren, dass wir eines Tages nicht mehr als “mathematikfaul” oder “zu sehr in Einzelfällen denkend” abgewertet werden, sondern Platz finden in einem neuen ökonomischen Paradigma, das, wie auch immer es geartet sein mag, ein bisschen mehr Liebe zur Realität hegt und weniger Wert auf (irreale) Formalität legt.
“Identity Economics” könnte so ein neuer Forschungsstrang sei. Aber Vorsicht: Nicht alles, was Ökonomie-Nobelpreisträger von sich geben, muss unbedingt neu und innovativ sein. Und genau das beweist Akerlof gemeinsam mit Kranton in diesem Buch leider. In der Essenz betreiben die beiden Patchworking. Das Buch strotz nur so von Verweisen auf psychologische/soziologische/anthropologische Studien und zeigt deren Bedeutung auf. Große Überraschung: Die Mainstream-Ökonomie kann diese “irrationalen” Verhalten nicht erklären. Daher muss das Entscheidungsmodell (Optimierung einer individuellen Nutzenfunktion) überarbeitet werden. Neben pekuniären Größen gelten auch nicht-pekuniäre Variablen als Entscheidungsfaktoren, die sich je nach sozialem Kontext ändern können.
Kurz gesagt: Wir wählen nicht nur das, was unserem individuellen Geschmack entspricht, sondern auch das, was mit unserem sozialem Kontext im Einklang steht. Beispiel: Eigentlich würden wir ja gerne mit der bequemen Jogginghose im Hörsaal rumlungern, aber der soziale Kontext der Universität erlaubt das nun mal nicht.
Herr Akerlof, Frau Kranton: Ehrlich? Das war’s? Mehr hat die Ökonomie nicht hinzuzufügen?
Meine Meinung zum Buch: Dank des großen Namens, der dahinter steht, wird es eine fruchtvolle Debatte unter ÖkonomInnen anregen. Aber aus der Sicht von ForscherInnen aus anderen Sozialwissenschaften ist das Buch doch ein unverschämter Schlag ins Gesicht: “Sorry, wir haben eure Erkenntnisse über Jahrzehnte ignoriert. Daher bringen wir sie jetzt unter das glorreiche Banner der Ökonomie und teilen den Ruhm mit euch.”
Liebe StudienkollegInnen: Ich fürchte, wir müssen noch ein wenig warten, bis wir wirklich Licht am Ende des Tunnels sehen.
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